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Fit statt fett - Ein Brief an Minister Horst Seehofer Drucken E-Mail

(d) 28.05.2007 - Sehr geehrter Herr Seehofer,

unter Betrachtung der Artikel 1 (1) sowie 3 (3) des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland frage ich mich als selbst vom Übergewicht Betroffene, warum Ihr neu vorgestellter Aktionsplan, der richtungweisend meiner Ansicht nach grundsätzlich richtig ist, diesen extrem unseriösen, völlig polarisierenden und zugleich diskriminierenden Titel "Fit statt fett" trägt.

Dicke Menschen als "fett" zu bezeichnen ist eine Diffamierung, die ihresgleichen sucht. Auch wenn ein heutiger Jugendlicher mit dem Gebrauch des Wortes "fett" meint, etwas sei besonders gut, kann ich mir kaum vorstellen, dass sich unsere Regierung des Sprachschatzes eines Pubertierenden bedient. Weiterhin wird durch die Gegenüberstellung von "fit" und "fett" grundsätzlich die Meinung in den Köpfen der Menschen verankert, dass nur schlanke Menschen sportlich und gesund sind. Meine Erfahrung mit dicken Menschen zeigt jedoch genau das Gegenteil.

Vor kurzer Zeit habe ich an einem Selbstlernmodul "Gegen Diskriminierung" teilgenommen. Auf die Umsetzung des Antidiskriminierungsgesetzes wird sehr großer Wert gelegt. Zu Recht, wie ich meine. Warum jedoch wird in den Artikel 3 (3) GG nicht auch der Passus übernommen, dass niemand aufgrund seiner Körperform benachteiligt werden darf? Sind Dicke und andere, die über keine "normale" Körperform verfügen, plötzlich Freiwild, weil sie nicht namentlich erwähnt werden? Denn - das darf ich als Übergewichtige durchaus sagen - als "behindert" in der Bedeutung dieses Wortes fühle ich mich nicht. Ich kann mein Leben gänzlich ohne Beeinträchtigungen meistern, wie jeder Schlanke auch. Das einzige, was mich zu einer "Behinderten" macht, ist der Druck, der seitens der Medien, der Arbeitskollegen, generell der Bevölkerung und nunmehr auch seitens der Regierung auf mich ausgeübt wird.

Dass etwas gegen das Übergewicht, insbesondere bei heutigen Kindern und Jugendlichen getan werden muss, steht nicht zur Frage. Jedoch wird hier offensichtlich über die Köpfe der Menschen entschieden, statt sich mit ihnen auseinander zu setzen und sie zu fragen, wie sie sich die Unterstützung seitens der Regierung vorstellen.

Es reicht nicht anzuprangern, dass sich heutige Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, zu wenig bewegen. Da muss es ganz konkrete Vorschläge geben. Bewegung macht Kindern grundsätzlich Spaß. Und dieser innere Drang zur Bewegung muss gefördert werden. Mehr Schulsport halte ich da für den falschen Weg, denn aus Erfahrung weiß ich, dass die sportlichen Pflichtveranstaltungen bei meinen Mitschülern und mir verhasst waren. Allerdings machte es uns Spaß, wenn wir Zeit zur freien Verfügung in der Turnhalle hatten. In aller Regel stehen Schulsporthallen nachmittags leer. Warum diese freien Räume nicht öffnen, um Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, sich dort im wahrsten Sinne des Wortes auszutoben? Das hätte noch den angenehmen Nebeneffekt, dass einige derzeit Arbeitslose sich dort auf eine Tätigkeit als Aufsicht bewerben könnten, die Kosten für die Familien der Kinder sich aber überschaubar halten.

Auch würde ich gern die Schulärzte in der Pflicht wissen, dass sie nicht nur "Übergewicht" bei Kindern diagnostizieren, denn Übergewicht ist keine Diagnose. Es ist eine Auswirkung. Hier gilt es, die Ursache zu finden, sei es in falscher Ernährung, sei es aber auch in Erkrankungen, denen unbedingt auf den Grund gegangen werden muss, um eine Verschlimmerung aufzuhalten und bestenfalls zu verhindern, dass sich dieser kleine Mensch später als stigmatisierter übergewichtiger Erwachsener durchs Leben schlagen muss. Übergewichtige Kinder dürfen nicht als "Täter" abgekanzelt werden.

Des Weiteren fehlen mir persönlich hier ganz konkret in Berlin Schwimmhallen, in denen man sich als dicker Erwachsener bewegen mag. Die nächste Schwimmhalle ist etwa 10km entfernt, die Öffnungszeiten sind für mich als Berufstätige kaum zu realisieren. Statt immer mehr Schwimmhallen zu schließen und stattdessen Spaßbäder zu eröffnen, wünsche ich mir, dass engmaschiger reine Schwimmhallen eröffnet werden, in denen Personen, die wirklich Sport treiben wollen, dies dort tun können. Ich will nicht saunieren, mich nicht unter die Sonnenbank legen und auch nicht in einem Sprudelbad entspannen oder eine Rutsche herunterrutschen, sondern schlicht und einfach schwimmen. Ganz davon abgesehen sind die Eintrittspreise kaum mit einem heutigen Durchschnittseinkommen, das oftmals nur unwesentlich über den Sozialbezügen liegt, zu vereinbaren.

Auch die Kennzeichnung der Lebensmittel mittels eines "Ampelsystem" halte ich für falsch. Wo will man anfangen, wo aufhören? Soll die reine gute Butter ein rotes Symbol bekommen, weil sie zu mehr als 80% aus Fett besteht und der fettärmste Magerjoghurt mit künstlichen Aromen und Süßstoffen einen grünen Punkt? Stattdessen halte ich eine Volldeklarierungspflicht in angemessener Schriftgröße für sinnvoller, damit der Verbraucher sich sofort einen Überblick über die Inhaltsstoffe der gewünschten Ware machen kann. Außerdem wird durch ein solches Ampelsystem dem Verbraucher, einem mündigen Bürger, der schließlich auch das Recht hatte und weiterhin hat, die Regierung zu wählen, die Kompetenz abgesprochen, selbst für sich entscheiden zu können, was für ihn gut und was schlecht ist, sofern er sich nicht unter den neugierigen Blicken anderer Kunden in einer Art Spießrutenlauf zur Kasse bewegen möchte.

Statt ein generelles Werbeverbot für Süßigkeiten und andere "ungesunde" Lebensmittel zu erwirken wäre es sinnvoller, dass ganz gezielte Werbung mit eindeutig falscher Suggestion unterbunden wird. Neuerdings werben Hersteller von Weingummis damit, ihre Süßigkeit enthalte 0% Fett. Das ist so betrachtet zwar richtig, allerdings wird so unterbewusst die Botschaft vermittelt, dass der Genuss dieser Süßigkeit keine negative Auswirkung auf das Gewicht hat. Auch wenn jedem klar denkenden Menschen bewusst sein sollte, dass der Körper ein Zuviel an Zucker als Körperfett einlagert, halte ich eine Botschaft wie diejenige dieser Werbung für gefährlich. Ebenso gefährlich betrachte ich die Werbung, die Müttern das Gewissen streicheln soll, in dem sie ihren Kindern Bonbons anbieten, die Vitamine enthalten sollen.

Ich würde mir sehr wünschen, dass bei Umsetzung Ihres Aktionsplanes nicht nur über die Betroffenen, sondern mit ihnen gesprochen wird. Wir wünschen uns von der Regierung Unterstützung, keine Ge- und Verbote.

Mit freundlichen Grüßen
[…]"Dralle Deern"
abgeschickt am 14.05.2007

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