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Interview mit einer Essgestörten Drucken E-Mail

(p) 15.04.2007 - Dieses Interview haben wir mit einer essgestörten Frau geführt.

Der dicke Mensch:
An welcher Essstörung leidest du? Wie lange schon?

Antwort:
Naja, ich würde sagen, es ist die Sucht nach Schokolade. Schon sehr lange, mindestens 10 Jahre.

Der dicke Mensch:
Wann hast du festgestellt, dass dein Essverhalten gestört ist? Was waren deine Gedanken dazu?

Antwort:
So genau kann ich mich an den Zeitpunkt nicht erinnern; irgendwann war mir klar, dass es nicht normal sein kann, jede Nacht drei Tafeln Schokolade zu essen.

Der dicke Mensch:
Wie macht deine Essstörung sich bemerkbar?

Antwort:
Nachts wache ich mehrfach auf, mit dem Drang, Schokolade essen zu müssen. Ich denke auch immer daran, ja genug davon zu Hause zu haben. Wenn das nicht der Fall ist, muss ich mit Schlaflosigkeit rechnen. Deshalb vermeide ich diese Situation möglichst.
Mein Gewicht bewegt sich ständig nach oben, was mich sehr belastet. Dadurch, dass ich mich ständig neu einkleiden muss, und natürlich auch durch den erhöhten Bedarf an Schokolade etc. bekomme ich auch finanzielle Probleme; ich sehe das auch als Folge der Essstörung.
Essen ist ein zentrales Thema für mich, es beschäftigt mich Tag und Nacht.

Der dicke Mensch:
Versuchst du, die Essstörung geheim zu halten, wenn ja, vor wem?

Antwort:
Naja, ich gehe damit nicht gerade hausieren. Und da ich alleine lebe und auch in der Arbeit ein Büro für mich selbst habe, fällt es auch nicht auf, was ich den ganzen Tag und Abend so esse. Insgesamt versuche ich, es schon zu verbergen, wenn ich esse – aus der Befürchtung heraus, dass „die anderen“ denken könnten, die ist doch eh schon so dick, warum isst die auch noch?...

Der dicke Mensch:
Bekommst du Unterstützung, privat oder auch professionell?

Antwort:
Momentan nicht. Ich möchte wieder professionelle Unterstützung einholen; die Genehmigung der weiterführenden ambulanten Therapie ist noch nicht abgeklärt.
Weiterführend deshalb, weil ich schon mehrere Therapien wegen meiner Angst- und Panikstörung hinter mir habe. Die Stunden sind im Moment aufgebraucht und es ist noch nicht ganz klar, ob ich von der Krankenkasse gleich neue Therapiestunden genehmigt bekomme oder die Wartezeit von 2 Jahren einhalten muss.
In einem stationären Aufenthalt in der Klinik Roseneck wegen dieser Angststörung wurde auch teilweise meine Essstörung mitbehandelt, allerdings nicht primär. Ich war zu dieser Zeit verliebt und deshalb hatte die Essstörung nicht so viel Macht über mich. Trotzdem nahm ich dort an der Anti-Diät-Gruppe teil, ich habe mich mit dem Thema an sich also schon auseinandergesetzt.
In dieser Zeit habe ich versucht, auf das nächtliche Naschen zu verzichten. Meinem Zimmernachbarn habe ich meine Schokoladenvorräte gegeben und mit ihm vereinbart, dass er mir täglich ein Teil gibt. Das hat ganz gut funktioniert. Dadurch und durch die regelmäßigen Mahlzeiten habe ich auch gut abgenommen. Das war mir insofern wichtig, weil mein damaliger Freund schlanke Frauen bevorzugt hat.

Der dicke Mensch:
Hast du in deinem Leben schon Diäten gemacht? Wenn ja, welche und über welchen Zeitraum hinweg? Was war das Ergebnis davon? Wie hast du dich vorher, während der Diät und danach gefühlt?

Antwort:
Diäten an sich habe ich schon hinter mir. Als Kind und Jugendliche in Form von FdH; als 10jährige war ich zur Kur. Ein Jahr zuvor war mein Vater gestorben und meine Mutter brauchte auch eine Kur für sich, deshalb war ich in dieser Kur. Ich weiß nicht mehr, ob ich dort war zum Abnehmen. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es immer nur Reis mit Apfelmus oder Reis mit Ketchup gegeben hat.
Später habe ich zwei Ernährungskurse der AOK besucht; allerdings war es da eher Ziel, ein „richtiges Essverhalten“ zu erlernen. Ergebnis davon war, dass ich 35 kg abgenommen habe. Das hat mir damals ein sehr gutes Gefühl gegeben – ich war stolz auf mich. Währenddessen und auch kurz danach. Aber das verlorene Gewicht hatte ich bald wieder zurück. Wohl dadurch, dass meine Esssucht wieder überhand nahm. Ich gab mir selbst die Schuld daran, dass ich aus mangelnder Disziplin nicht weiterhin ausgewogen essen konnte. Ich fühlte mich zu schwach und ärgerte mich über mich selbst. Leider sehe ich das auch heute noch so.

Der dicke Mensch:
In welcher körperlichen Form siehst du dich selbst, wenn du deine Gewichtsschwankungen Revue passieren lässt? Hast du dich auch schon zu dick gefühlt, als du es noch gar nicht warst?

Antwort:
Ich sehe mich meistens schlanker, als ich in Wirklichkeit bin. Wenn ich auch noch Bilder aus schlankeren Zeiten sehe, will ich nicht wahrhaben, dass ich das nicht mehr bin. Zwar sagt mir mein Verstand, dass ich dicker bin, aber ich will es nicht wahrhaben. Ich will nicht sehen, dass ich dick bin, betreibe Vogel-Strauß-Politik und verzichte auch auf Dinge, die mir das Gegenteil beweisen. Ich vermeide es, mich im Spiegel zu sehen.

Der dicke Mensch:
Was, denkst du, sind die Gründe bzw. die Auslöser für dein gestörtes Essverhalten?

Antwort:
Seit ich denken kann, wurde ich von meinen Großeltern mit Süßigkeiten verwöhnt. Immer extrem viel. Durch die Krankheit meines Vaters war ich auch sehr oft alleine, weil meine Mutter sich um meinen Vater kümmern musste und wurde da mit Schokolade ruhig gestellt. Für mich wurde das schon bald der Ersatz für Liebe und Zuwendung. Das hat sich als roter Faden bis heute durch mein Leben gezogen, wenn ich mir meine Beziehungen zu Männern anschaue. In Zeiten, in denen ich mit einem Mann zusammen bin, rückt die Esssucht in den Hintergrund. Bin ich dann wieder alleine, ist die Schokolade für mich eine Art Ersatzbefriedigung.

Der dicke Mensch:
In welchen Lebenssituationen leidest du besonders unter der Essstörung?

Antwort:
Eigentlich leide ich mehr an den Folgen der Essstörung: Dem massiven Übergewicht, und da in vielen Situationen. Meine mangelnde Kondition z.B. – ich schäme mich für meine Kurzatmigkeit, kann nicht mit anderen, Schlanken mithalten. Oder im Schwimmbad – ich gehe sehr gerne und regelmäßig schwimmen, aber die Blicke und Bemerkungen, denen ich mich dadurch aussetze, verletzen mich doch sehr.
Auch noch ein Punkt: Ich habe Angst davor, mich auf eine Sonnenliege zu legen. Es ist mir schon passiert, dass bei einer Freundin eine unter meinem Gewicht zusammengebrochen ist.
Durch die nächtlichen Essattacken bin ich immer unausgeschlafen, was mich im Beruf und auch in der Freizeitgestaltung sehr belastet. Ich kann nie durchschlafen und versuche, den Schlaf am Wochenende oder an freien Tagen nachzuholen.

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© 1999 – 2010 Dagmar Fulle & Martina Mahner