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Schilddrüsenbrief Drucken E-Mail

(m) 02.04.2009 - Liebe Zweiflerin, lieber Zweifler,

ich möchte Dir etwas zu der Frage, ob eine Schilddrüsenerkrankung eine dumme Ausrede eines dicken Menschen ist, schreiben.

Ich nehme es Dir persönlich nicht übel, dass Du zweifelst, aber ganz ehrlich macht es mich wirklich langsam sauer, dass Schilddrüsenerkrankungen als eine mögliche Ursache von Übergewicht ganz allgemein in Zweifel gezogen werden. Eine Schilddrüsenunterfunktion ist eine teuflische Erkrankung, die Dinge mit einem macht, die ich keinem Menschen wünsche.

Das Übergewicht ist nur EIN und natürlich das offensichtlichste Symptom. Ich habe unendlich gelitten in meinem Leben und tue es auch heute noch manchmal. Trotzdem habe ich viel erreicht, privat und beruflich. Aber für alles, was ich erreicht habe, habe ich die doppelte Kraft eines gesunden Menschen aufbringen müssen. Ein Mensch, dem die Schilddrüse ganz oder teilweise entfernt wurde oder der anderweitig schilddrüsenkrank ist (z.B. eine Autoimmunerkrankung wie Hashimoto hat), wird selbst bei der besten Tabletteneinstellung niemals wieder so funktionieren wie ein gesunder Mensch.

Ich kannte jahrelang keine Normalzustände, war ständig himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Das wurde mir als Charakterschwäche ausgelegt. Ich musste mich ständig rechtfertigen für meine (für mich und andere unerträgliche) Emotionalität. D.h. zusätzlich zum Ertragen dessen, was mein Körper da mit mir machte und womit ich selbst nicht klar kam, musste ich mich auch noch von meiner Umwelt dafür kritisieren lassen.

Wenn ich nicht mehrmals täglich creme, habe ich eine Haut wie ein Reibeisen. Als ich noch viel zu wenig Hormone nahm, hatte ich im Winter die schlimmsten Ekzeme an Armen, Bauch, Po und Beinen. Diesen Winter blieben sie zum ersten Mal ganz weg. In meinen schlimmsten Zeiten konnte ich mir die Fingernägel wie Blätterteig abziehen. Ich habe so stark geschielt, dass ich Prismen mit 6 Dioptrien brauchte. Vor ein paar Wochen musste ich, weil ich eine meiner drei Brillen (für verschiedene Entfernungen) zerdeppert hatte, einen Sehtest machen. Dabei kam heraus, dass sich das Schielen wesentlich verbessert hat seit dem letzten Test, der in etwa zur gleichen Zeit stattfand, als ich endlich die richtige Hormondosis zu nehmen begann, also 2003. Es ist zugegebenermaßen nicht zu 100% gesichert, dass das Schielen mit der Schilddrüse zusammenhängt, aber der Verdacht wurde seitens meiner Augenärzte immer wieder geäußert und die Verbesserung scheint dies zu bestätigen. Bei einer Untersuchung beim Kieferorthopäden kam heraus, dass meine Zunge doppelt so groß ist wie die gesunder Menschen, weshalb meine Zähne alle latent locker sind, weil die Zunge ihren Raum fordert, auch ein Symptom der Unterfunktion.

Seit ich genügend Hormone nehme, nehme ich selbst an Tagen, an denen ich mal etwas mehr esse, kein Gramm mehr zu. Ich habe das bewusst und absichtlich im Selbsttest ausprobiert und vor drei Jahren mal eine Woche nur Fast Food gegessen *schüttel*. Keine Gewichtszunahme!!! Vorher habe ich, wenn ich schlimme Schübe hatte, 15 kg in vier Wochen zugenommen ... bei völlig normaler Ernährung. Einmal - beim letzten Mal, was mich dann auch veranlasst hat, der Sache noch einmal auf den Grund zu gehen - habe ich zwei dieser vier Wochen mit hohem Fieber und einer Bronchitis im Bett gelegen und so gut wie gar nichts gegessen, weil ich keinen Appetit hatte.

Ich hatte 20 Jahre lang Durchfall, eigentlich ein Symptom der Überfunktion, aber es gibt gerade bei Unter- und Überfunktion die so genannten paradoxen Symptome, also eine Vertauschung der Symptome. Du machst Dir keinen Begriff, was es mir bedeutet, dass dieses Problem der Vergangenheit angehört.

Liebe Zweiflerin, lieber Zweifler, schilddrüsenkrank zu sein, ist für die Betroffenen eine Katastrophe. Und deshalb empfinde ich es als eine Unverschämtheit, diese Erkrankungen so runter zu spielen. Ich leide an einer teuflischen Krankheit und darf mich permanent dafür rechtfertigen. Von Empathie keine Spur. Das macht mich wütend.

In Deutschland sind auf Grund der gesetzlich vorgeschriebenen Zwangsjodierung der Lebensmittel 30 % der Menschen schilddrüsenkrank. Viele wissen es nicht oder erfahren es nur durch einen Zufallsbefund. Deshalb steht bei einem dicken Menschen die Diagnose an oberster Stelle. Damit hat Udo Pollmer so was von Recht. Jeder Arzt müsste, wenn ein dicker Mensch seine Praxis betritt, SOFORT eine endokrinologische Diagnostik einleiten. Erst wenn ganz sicher ist, dass das Dicksein keine endokrinen Ursachen hat, dann sollte man forschen, wo die Gründe sonst liegen könnten. Aber es ist genau umgekehrt. Wir halten bei uns im Forum User mit eindeutigen Symptomen dazu an, die Diagnose zu erzwingen. Und erstaunlicherweise gibt es fast immer einen endokrinen Grund.

Ist es so schwer, Übergewicht von Schuld zu trennen? Was ist daran so schwer? Ich habe mich selber jahrzehntelang mit Schuldgefühlen gequält. Ich war fest davon überzeugt, die Versagerin schlechthin zu sein und einfach alles falsch zu machen. Ich habe mich selbst in den Boden getreten, so wie es viele Dicke auch heute noch machen. Gerade in diesen Tagen kommt mir manchmal der Gedanke, ob es eine Korrelation zwischen Übergewicht und Masochismus gibt. Unglaublich!

Natürlich gibt es die Menschen, die sich falsch ernähren. So war es z.B. bei meinem Mann, der durch Ernährungsumstellung langsam aber stetig abnimmt, während es bei mir bei gleicher Ernährung kaum klappt. Ich bin fest davon überzeugt, dass es bei ihm so gut klappt mit der langsamen Gewichtsreduktion durch Ernährungsumstellung, weil er eben keinen ruinierten Stoffwechsel hat.

Ich jedenfalls lasse mir diese Behandlung als faule, verfressene, dumme Dicke, die ihre bis auf einen winzigen Rest wegoperierte Schilddrüse angeblich als bequeme Ausrede hernimmt, nicht mehr gefallen. Das steht fest.

Und glaube mir: Über kurz oder lang werden sie sich alle bei uns entschuldigen müssen.

Liebe Grüße
Martina

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