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Dicke Düsseldorf

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Fragen an die Bundesregierung Drucken E-Mail

(m) - 18.05.2008 - In den letzten 12 Monaten starteten einige Bundesministerien mit dem "Nationalen Aktionsplan Bewegung und Ernährung" (pdf auf www.bmg.bund.de) und "Leben hat Gewicht" Kampagnen gegen Übergewicht und Essstörungen.

Unsere Fragen an die Ministerien
Antwort des Bundesgesundheitsministeriums

Für uns als Betroffene stellen einige Aspekte dieser Aktionen große Widersprüche dar. Hinzu kommt, dass die Vorstellung des "Nationalen Aktionsplans Bewegung und Ernährung" zum Teil von verbaler Häme begleitet wurde, die in unseren Augen völlig inakzeptabel ist. Daher haben wir uns entschieden, einen Fragenkatalog an die beteiligten Ministerien zu senden.

Wir haben darauf nur ein Antwortschreiben des Bundesgesundheitsministeriums erhalten. Zwar wurde in diesem Schreiben auch auf die "dicke" Essstörung Binge Eating eingegangen, in der öffentlichen Diskussion jedoch findet diese auch weiterhin keinerlei Erwähnung. Zudem rennt das Antwortschreiben mit der Auflistung von längst bekannten Weisheiten bei uns offene Türen ein. Eine konkrete Beantwortung unserer Fragen wäre uns lieber gewesen.

[Anmerkung: Dieses Schreiben wurde vor der Aufteilung in Der dicke Mensch/Das dicke Forum nur unter dem Namen des Dicken Forums geschrieben.]

Bundesministerium für Familien, Frauen, Senioren und Jugend
Frau Bundesministerin Dr. med. Ursula von der Leyen
11018 Berlin

Bundesministerium für Bildung und Forschung
Frau Bundesministerin Dr. phil. Annette Schavan
Hannoversche Straße 28-30
10115 Berlin

Bundesministerium für Gesundheit
Frau Bundesministerin Ulla Schmidt
11055 Berlin

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Herrn Bundesminister Horst Seehofer
11055 Berlin

28. Februar 2008

Aktionsplan Ernährung und Bewegung / Leben hat Gewicht

Sehr geehrte Frau Dr. von der Leyen,
sehr geehrte Frau Dr. Schavan,
sehr geehrte Frau Schmidt,
sehr geehrter Herr Seehofer,

wir schreiben Ihnen als Initiatoren von Das Dicke Forum (www.das-dicke-forum.de), der Internet-Plattform intelligenter, gebildeter Dicker, die voll im Leben stehen und sich mit dem von Politik und Medien gezeichneten Bild des tumben, bewegungslosen, Hamburger mampfenden Monsters in keiner Weise identifizieren können.

Wir teilen Ihre Auffassung, dass Bewegung heilsam für jeden Menschen ist. Auch beschäftigen wir uns mit Ernährungsfragen. Davon werden in deutschen Lebensmittelregalen genug aufgeworfen, von der Aromatisierung über Glutamat, die Hormonbelastung des Fleisches bis hin zur Zwangsjodierung, um nur einige Stichworte zu nennen.

Allerdings stellen wir uns die berechtigte Frage: Muss die politische Behandlung des Themas Übergewicht mit einer derart niederträchtigen Verunglimpfung dicker Menschen einhergehen, wie wir sie gerade in den letzten Monaten aus Berlin vernommen haben?

Leider ist es so, dass permanent über dicke Menschen gesprochen wird, aber nie mit ihnen. Daher wenden wir uns heute mit Fragen an Sie, deren Beantwortung uns Dicken sehr wichtig ist:

1. "Leben hat Gewicht" ./. "Aktionsplan Ernährung und Bewegung"

Neben dem "Aktionsplan Ernährung und Bewegung" wurde unlängst von Ihnen, Frau Dr. von der Leyen, Frau Dr. Schavan und Frau Schmidt, die Aktion "Leben hat Gewicht" zur Bekämpfung von Anorexie und Bulimie aus der Taufe gehoben. Hierzu richten wir die folgenden Fragen an Sie: 

(a)   Ist es Ihnen bekannt, dass die Hauptursache für die Essstörungen Anorexie und Bulimie die Diffamierung dicker und vermeintlich (s.u. BMI 25-30) dicker Menschen ist?

(b)   Wie erklären Sie, dass Sie mit Ihrer Anti-Dicken-Kampagne insbesondere durch die begleitende verbale Häme einerseits Essstörungen fördern und andererseits nahezu zeitgleich ein Programm gegen Essstörungen initiieren?

(c)    Ist es Ihnen bekannt, dass es auch eine "dicke" Essstörung gibt, die die gleichen Ursachen wie Anorexie und Bulimie hat, nämlich die Binge Eating Disorder (BED)? Welche Initiative plant die Bundesregierung zur Bekämpfung von BED?

2. Body-Mass-Index (BMI)

Der BMI wurde von einer amerikanischen Lebensversicherung erfunden. Die heute "gültige" BMI-Skala wurde von der International Obesity Task Force (IOTF) in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) willkürlich festgelegt. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einem BMI von 25-30 die gesündesten sind. 33 Mio. der angeblich 50 Mio. übergewichtigen Deutschen haben einen BMI von 25-30. D.h. nicht 60% der Deutschen haben ein möglicherweise gesundheitsgefährdendes Gewicht, sondern maximal 20%.

Wie erklären Sie diese Irreführung der Öffentlichkeit?

3. Allgemeine Ernährungsgewohnheiten

Der intelligente Dicke weiß, dass er sich in der Regel nicht schlechter ernährt als sein schlanker Mitmensch. Eher ernährt er sich sogar deutlich gesünder, da er sich zwangsläufig viel intensiver mit Ernährungsfragen beschäftigt hat. Dass schlanke Menschen mehr für ihre Figur und ihre Gesundheit tun als Dicke, ist ein Ammenmärchen.

Warum sprechen Sie eigentlich nie über die in der Mehrheit grundschlechten Ernährungsgewohnheiten schlanker Menschen?

4. Übergewicht verursachende Stoffwechselerkrankungen

In unserer Selbsthilfearbeit konnten wir feststellen, dass die Mehrheit der dicken Menschen unter Übergewicht auslösenden Stoffwechselerkrankungen wie z.B. der Hashimoto Thyreoiditis oder anderen Schilddrüsenunterfunktionsstörungen leiden. Adipositas ist keine Krankheit, sondern das Symptom vieler verschiedener Grunderkrankungen. Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Deutschen schilddrüsenkrank ist. 

(a)   Inwieweit wurde der Aspekt Übergewicht verursachender Stoffwechselerkrankungen bei der Verzehrstudie berücksichtigt?

(b)   Was gedenken Sie zur Erforschung der wahren Ursachen von Adipositas kurz-, mittel- und langfristig zu tun?

(c)    Warum werden dicke Menschen, insbesondere dicke Kinder, nicht routinemäßig endokrinologisch untersucht? Warum müssen sie sich solche Untersuchungen immer noch mühsam erbetteln, da ihnen unterstellt wird, sie suchten nur nach einer bequemen Ausrede?

5. Diffamierung dicker Menschen

Mit ihrer aktuellen Aktion, den damit verbundenen verbalen Entgleisungen und der sich darum rankenden Mediendiskussion macht die Bundesregierung ihr halbes Volk gegenüber der Restbevölkerung unmöglich.

Wäre es nicht sinnvoller und weniger kostenintensiv, mit entsprechenden Aktionen das Selbstwertgefühl der Bevölkerung zu stärken, damit sie nicht in immer neue krankmachende Diäten und die daraus resultierenden Essstörungen und Gewichtszunahmen (Stichwort: Jojo) getrieben werden?

6. Beleidigung sportlicher Dicker

Bewegung ist wichtig – für jeden Menschen. U.a. dank der erschreckend unfundierten politischen und medialen Kampagnen gegen dicke Menschen ist Sport aber für Dicke heutzutage einem Spießrutenlauf gleichzusetzen. Die Gesellschaft erwartet von Dicken, dass sie sich bewegen. Gleichzeitig beschimpft und beleidigt sie aber sich bewegende Dicke.

(a)   Ist es Ihnen bekannt, dass es nur psychisch sehr widerstandsfähigen dicken Menschen möglich ist, Sport zu treiben, da dicke Menschen zur öffentlichen Beschimpfung freigegeben sind?

(b)   Was gedenken Sie, kurz-, mittel- und langfristig gegen dieses nahezu unerträgliche Klima zu unternehmen, dem die Hälfte Ihres Volkes ausgesetzt ist?

7. Behandlung von Adipositas / Ernährungsberatung

Das Berufsbild "Ernährungsberater" ist in Deutschland nicht gesetzlich geschützt. Jeder kann in den Milliardenmarkt der Ernährungsberatung einsteigen, ohne auch nur eine Ausbildung genossen zu haben, geschweige denn eine gesetzlich genormte Ausbildung. So werden mit völlig unsachgemäßen "Behandlungsmethoden" immer mehr Menschen in die Adipositas getrieben.

(a)   Warum überlassen Sie die "Behandlung" der Adipositas den Scharlatanen, deren Programme aus wirtschaftlichem Interesse gar nicht darauf ausgelegt sind, den Menschen zu helfen?

(b)   Wann gedenken Sie, die Ernährungsberatung nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu "standardisieren"?

8. Spätfolgen der Kampagnen

Dicke Menschen mittleren Alters von heute sind die Nachwehen der Anti-Dicken-Kampagne der 70er Jahre. Seit 30 Jahren wird ein normaler und ungezwungener Umgang mit Nahrung systematisch untergraben. Die aktuelle Aktion der Bundesregierung zementiert diese ungute Entwicklung einmal mehr.

Ist die Bundesregierung sich klar darüber, dass sie mit ihrer Kampagne die Dicken von morgen züchtet, so wie es ihre Vorgänger in den 70er Jahren getan haben?

Das Dicke Forum ist ein privates, unabhängiges, subjektives und nonkonformistisches Internet-Projekt engagierter dicker Menschen.

Wir sammeln Fakten zu den vielfältigen Ursachen von Adipositas, stellen Politik und Medien in Frage, sprechen über Lebensfreude (die wichtigste Voraussetzung für Gesundheit), über gesunde Ernährung, die Spaß macht, Freude an Bewegung, Mut zum Anderssein und über einen realistischen Umgang mit unserem Übergewicht.

Die oben aufgeführten Fragen sind Fragen, die uns als intelligente dicke Menschen sehr bewegen. Wir werden diese Fragen auf unserer Website veröffentlichen und an die Presse geben. Für uns und die vielen Leser unserer Seite hoffen wir, dass Sie unsere Fragen beantworten werden.

Im Namen der acht Initiatoren von Das dicke Forum

mit freundlichen Grüßen
Uwe Mahner        Martina Mahner

 

 

Antwortschreiben des Bundesministeriums für Gesundheit
8. April 2008

Sehr geehrter Herr Mahner,
sehr geehrte Frau Mahner,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 28. Februar 2008, in dem Sie sich gegen eine vermeintliche Verunglimpfung übergewichtiger Menschen durch die Politik wenden.

Ich kann Ihrer Argumentation nur schwer folgen und sehe in den von der Bundesregierung veranlassten Maßnahmen, die Menschen zu einem gesundheitsbewußten Leben motivieren und auf dem Weg dorthin unterstützen wollen, keine Verunglimpfung übergewichtiger Menschen. Es ist bekannt, dass körperliche Inaktivität gemeinsam mit einer einseitigen Ernährung verschiedene Zivilisationserkrankungen mit beeinflussen kann. Ein körperlich aktiver Lebensstil trägt maßgeblich zur Aufrechterhaltung und Förderung der Gesundheit, des Wohlbefindens und der Lebensqualität bei. Menschen, die sich regelmäßig körperlich bewegen, sind seltener von Krankheiten und Beschwerden, wie z. B. Herz-Kreislauf-Krankheiten, Hypertonie, Diabetes mellitus Typ II, Adipositas, Arthrose und Rückenschmerzen betroffen.

Der Nationale Aktionsplan zur Prävention von Fehlernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht und damit zusammenhängenden Krankheiten hat in erster Linie zum Ziel, Menschen jeden Alters für einen gesunden Lebensstil zu gewinnen und durch Informationen und die Verbesserung von Angeboten in seinem Lebensumfeld eine Veränderung der Lebensgewohnheiten zu erleichtern. Dies ist schon mit kleinen Umstellungen zu erreichen. Bereits seit einigen Jahren ruft Frau Bundesministerin Ulla Schmidt die Bevölkerung mit der Bewegungskampagne "3000 Schritte extra" zu mehr Bewegung im Alltag auf. Denn auch ein Spaziergang ist gesundheitsförderlich.

Auch Essstörungen werden im Nationalen Aktionsplan thematisiert, da sie zu den am meisten unterschätzten Krankheiten gehören. Zu ihnen zählen die Krankheitsbilder der Anorexia nervosa, die Bulimia nervosa, Binge Eating und die Adipositas mit psychischen Auffälligkeiten. Weil sie eine psychische Erkrankung darstellen, ist es wichtig, dass die Betroffenen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Der Gipfel der Kampagne "Leben hat Gewicht – gemeinsam gegen den Schlankheitswahn" verfolgte das Ziel, eine öffentliche Debatte anzustoßen und die Betroffenen zu sensibilisieren.

Gerade junge Menschen orientieren sich stark an oft fragwürdigen Körper- und Schönheitsidealen. Mit hochrangigen Persönlichkeiten aus der Politik, der Mode-, Werbe- und Medienbranche, der Medizin und Wissenschaft sowie Betroffenenverbänden wurden Lösungsansätze disktutiert und konkrete Maßnahmen zum weiteren Vorgehen vereinbart. Ein Expertengremium hat inzwischen mehrfach getagt, Lösungsansätze diskutiert und das weitere Vorgehen vereinbart.

Ich kann Ihnen versichern, dass sich keine der von der Bundesregierung veranlassten Aktionen gegen die Menschen richtet, denen sie helfen sollen.

Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Helga Haas

... über dieses Thema im Dicken Forum diskutieren ...

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